Betrachtung der Formen

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Keramische Baukörper – Architekturen in Ton

Seit vielen Jahren entwerfe ich architektonische Formen, die ich in Ton umsetze.
Diese nüchterne Beschreibung meiner Arbeitsweise macht klar, dass ich Ton in erster Linie als Baustoff verwende, und mit dem Wort Baukörper lassen sich meine Arbeiten durchaus auf den Punkt bringen. Andere Merkmale von Keramik scheinen dabei vielmehr in den Hintergrund zu treten.  Das stimmt auch, denn ich verwendete Ton über Jahre hinweg ohne Zutun, sozusagen unter Auslassung seines gestalterischen Potentials. Eigentlich hätte ich auch ein anderes Material verwenden können, und natürlich gab es auch solche Ansätze. Zum Beispiel verwirklichte ich eine „Baureihe“ in Graupappe. Auch eine Umsetzung in Holz und die Verwendung von Gips kamen in Betracht. Einen Versuch gibt es in Beton. Doch bestimmte Entwicklungen und Herausforderungen, die mich interessieren, sind nur als Keramik möglich. Das erkenne ich innerhalb meiner aktuellen Arbeiten wieder ganz klar.
Die Vorliebe für tektonische Körper, für klare Linien und Schnitte und für scharfkantig wirkende Körper entwickelte ich gegen Ende meines Studiums der freien und angewandten Keramik an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart.
Das Einfinden in diese Formensprache war die Konsequenz aus einer Erfahrung, die beinahe unvermeidlich ist, wenn man sich intensiv mit Keramik auseinandersetzt: Alles ist möglich. Es gibt beinahe nichts, was nicht aus Ton geformt und gebaut werden kann, und es gibt unzählige Möglichkeiten, während oder nach der Formgebung die Oberfläche zu gestalten. Alles ist gleichermaßen spannend und weiter führend.
Sich darin zu verlieren, liegt nahe, und genau diese Tendenz wurde bei mir während des Studiums immer wieder deutlich.
In der Kunst einen Weg zu finden, bedeutet für mich, die Inhalte kennen zu lernen, die einem wichtig sind und den Motiven zu folgen,  die immer wieder kehren.
Diese Haltung führte zur Herausbildung von architekturnahen, reduzierten Formen, die über lange Zeit mit der naturbelassenen und unbehandelten Oberfläche auskamen. Seitdem thematisieren meine keramischen Arbeiten den umbauten Raum und dessen Ordnung.
Mir ist klar, dass ich in diesen tönernen Räumen, Kammern und Parzellen etwas gestalte und zum Ausdruck bringe, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Es gibt hier für mich eine Spur, die ich zunächst zeichnerisch aufgreife und der ich bis zu einer konkreten Vorstellung folge. Anhand meiner Skizzen lege ich mich dann fest und beginne schließlich mit der Umsetzung: Ich welle Tonplatten aus, schneide sie zu und füge Sie aneinander. Obwohl meine Arbeitsweise konstruierend wirkt – entwerfen, skizzieren, realisieren – weiß ich, dass dahinter viele Ideen von Räumen und Formen pulsieren, und dass ich hier eher als Filter fungiere. Nur weniges mache ich sichtbar. Meine Architekturen in Ton sind Momentaufnahmen sich ständig verändernder Räume und Ordnungen, die fließend ineinander übergehen.
Meine Arbeitsweise ist nicht homogen und nicht kontinuierlich. Nach Phasen, in denen ich sehr experimentell und spielerisch arbeite und in denen meine Objekte dann zu Bühnen oder zu Modellen werden, die Geschichten erzählen, kristallisiert sich anschließend wieder etwas Strengeres und Solides heraus – eine ruhigere Spur, der ich folgen kann.
Das Wort Kristallisieren ist hier sehr zutreffend.
Eine themengebundene Ausstellung im Jahr 2008 führte mich zur Auseinandersetzung mit der Bootsform. Hier entwickelte ich, vorwiegend unter Verwendung von anthrazitfarben brennendem Ton, die sogenannten „Wellengänger“, die ich noch völlig unbehandelt ließ.  Das Aufgreifen der Wellenform als Basis dieser langgestreckten und schmalen, offenen Körper inspirierte mich nachhaltig. In meinen Zeichnungen und neuen Entwürfen von Architekturen tauchte diese Wellenkurve hochgewachsen, in Form von Bögen wieder auf. Gleichzeitig habe ich damit begonnen, die Oberflächen zu bearbeiten: Ich ließ Arbeitsspuren sichtbar, integrierte Texturen oder Ornamente und verwendete Oxide, Engoben und Glasuren. Nach wie vor bleiben die Formen klar und folgen einem Plan.
Die Auflösung und Belebung der Wände und Flächen verändert den Charakter der neuen Gehäuse, Zellen und Architekturstücke deutlich.
Die „Beckenformen“ ab 2014, die auf dem Grundriss eines Rechteckes mit Apsiden entstehen,  bleiben oben offen und thematisieren das jedem umbauten Raum innewohnende Thema „Gefäß“  und „Behälter“.
2018 änderte ich die Herstellungsweise der Formen entscheidend.
Ich baue die Körper von unten nach oben mit den Händen auf. Sie enstehen nicht mehr konstruktiv durch das Zusammenfügen ausgerollter Platten, als Ergebnis eines Wachstumsprozesses.

Diesen Gedanken über meine Arbeit und meine Arbeitsweise ordne ich auf meiner Homepage eine Auswahl von Bildern bei, die oben Gesagtes veranschaulichen sollen.

Sibylle Ritter  2019

Sibylle Ritter
(Künstlerin, freie und angewandte Keramik)

1963 in Lindau am Bodensee geboren.
Nach dem Abitur in Friedrichshafen besuchte ich von 1982 bis 1983 die Freie Kunstschule in Stuttgart. Anschließend  studierte ich bei Prof. Uli Günther und Guiseppe Spagnulo „Freie und Angewandte Keramik“ an der Staatliche Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Seitdem arbeite ich freischaffend im Bereich der bildenden Kunst.
Seit 2002 lebe ich auf der Schwäbischen Alb und in Stuttgart.
Das Schloss Hettingen im Landkreis Sigmaringen zeigt eine ständige Ausstellung der keramischen Arbeiten.

www.sibylle-ritter.de
www.keramik.sibylle-ritter.de